29.04.2012 Zugunglück in Dahlhausen – zum Glück nur eine Übung!
Uhrzeit: 02:50 Uhr
Einsatzort: Bahnübergang Lewackerstraße / Schwimmbrücke
Stadtteil: Dahlhausen
Schwerer Verkehrsunfall zwischen einer S-Bahn und einem vollbesetzten PKW in der Nacht zu Sonntag am Bahnübergang an der Schwimmbrücke in Dahlhausen. Vier Personen im PKW werden lebensgefährlich verletzt und sind zum Teil in ihrem Fahrzeug eingeklemmt. In der Bahn stürzen aufgrund des Zusammenpralls mehrere Menschen, auch hier werden 18 Personen zum Teil schwer verletzt, erleiden Brüche und Platzwunden. Einige Personen schreien um Hilfe, andere laufen geschockt ziellos umher.
Zum Glück war dieses Szenario nur eine Übung der Feuerwehr Bochum in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn. Um 02:50 Uhr, knapp 45 Minuten nachdem die letzte „offizielle“ Bahn die Strecke nach Dahlhausen passiert hat, startet die Übung, an der rund 120 Personen teilnehmen. Zuvor war bereits ein schrottreifer PKW auf die Gleise gerollt und umgestürzt worden, waren 18 realistische Unfalldarsteller der DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft) mit viel Kunstblut und hautfarbenem Knetgummi zu Unfallopfern verwandelt worden und eine S-Bahn war so auf dem Gleis positioniert worden, dass ein Überquerung des regulären Bahnübergangs für die Einsatzkräfte unmöglich war.
Als dann um kurz nach 03:00 Uhr der erste Rettungswagen an der Einsatzstelle eintraf war den beiden Rettungsdienstlern schnell klar, dass es sich bei dieser Einsatzstelle um einen sogenannten „Massenanfall von Verletzten“ (Erläuterung siehe unten) handelt. Sofort wurde die Alarmstufe erhöht und innerhalb kürzester Zeit rückten 65 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst zur Ruhr nach Dahlhausen aus. Alle wussten jedoch, dass es sich bei dem Alarm „nur“ um eine Übung handelte, denn eins der wesentlichen Ziele in dieser Nacht was das Üben der Abläufe bei derartigen Einsätzen. So hatten sich alle Einheiten im Vorfeld ausgiebig mit den entsprechenden Einsatzkonzepten beschäftigen können, ohne jedoch das genaue Übungsszenario zu kennen.
Durch die ersten Rettungskräfte wurden zunächst alle Patienten gesichtet, um zu erkennen, wer am schwersten verletzt worden war und wer nun am ehesten durch einen Notarzt oder einen Rettungsassistenten behandelt werden musste. Nachdem die Feuerwache Wattenscheid mit 12 Einsatzkräften am Unglücksort eingetroffen war wurde auch mit dem Befreien der Eingeklemmten aus dem PKW begonnen. Eine Aufgabe, die den Feuerwehrmännern viel abverlangte, da das Fahrzeug schwer erreichbar im Gleisbett lag. Parallel zu den Rettungsmaßnahmen aus dem PKW und der Bahn wurde auf der Lewackerstraße eine sogenannte Patientenablage eingerichtet. Notfallrucksäcke, Tragen, Defibrillatoren und Beatmungsgeräte wurden bereitgestellt, um die insgesamt 18 Verletzen noch vor Ort erst versorgen zu können. Nach rund 60 Minuten waren alle Verletzen gerettet und wurden durch 3 Notärzte und über 20 Rettungsassistenten und –sanitäter versorgt. Besonders schwer Verletzte waren zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg ins Krankenhaus – dargestellt bei der Übung durch den Einsatzleitbus der Feuerwehr. 25 Fahrgäste aus der Bahn, die den Unfall „unverletzt“ überstanden hatten wurden ebenfalls durch Einsatzkräfte betreut und registriert.
Um 04:35 Uhr war dann Übungsende, denn bis 5 Uhr mussten die Gleise wieder befahrbar sein.
Gleich im Anschluss an die Übung fand eine Nachbesprechung an der Einsatzstelle statt, denn mehr als 10 Beobachter hatten alle Abläufe kritisch beobachtet und bewertet. Erstes Fazit: Das Einsatzkonzept „Massenanfall von Verletzten“ hat sich bewährt und auch die Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn funktionierte gut. Und dennoch wurden, wie bei jeder Übung, an einigen Stellen wie z.B. der Kommunikation zwischen den Einsatzabschnitten, Optimierungsmöglichkeiten deutlich. Diese werden nun aufgearbeitet und fließen bei der Überarbeitung der Konzepte und den regelmäßigen Brandschutz- und Rettungsdienstschulungen mit ein.
Pünktlich um 05:00 Uhr war dann wieder Ruhe eingekehrt an der Schwimmbrücke. Das letzte Löschfahrzeug verließ die Lewackerstraße in Richtung Feuerwehrgerätehaus Dahlhausen, wo noch eine heiße Bockwurst im Brötchen und ein erster Becher Kaffee auf Retter und „Verletzte“ wartete.
Insgesamt waren an der Übung 65 Einsatzkräfte beteiligt. Neben der Berufsfeuerwehr waren dies die Löscheinheiten Linden, Eppendorf und Brandwacht sowie die Informations- und Kommunikationseinheit der Freiwilligen Feuerwehr und das Deutsche Rote Kreuz. Erstmalig wurde auch eine neu gegründete Spezialeinheit „Rettungsdienst“ eingesetzt. Diese setzt sich aus Rettungsassistenten der Berufsfeuerwehr zusammen, die im Einsatzfall aus der Feizeit alarmiert werden. Die 43 „Unfallopfer“ wurden durch die DLRG, die Deutsche Bahn und die Freiwillige Feuerwehr gestellt. Die Verpflegungseinheit der Freiwilligen Feuerwehr übernahm zudem die Versorgung aller Übungsteilnehmer.
Erläuterung „Massenanfall von Verletzten“: Bei mehr als 10 Verletzten gleichzeitig greift in Bochum das Einsatzkonzept für den „Massenanfall von Verletzen“ (MANV). Für diesen Fall stehen nicht nur spezielle Fahrzeuge (Vier Gerätewagen Sanitätsdienst, stationiert beim DRK und ASB und zwei Abrollbehälter MANV, Standort bei der Feuerwehr) zur Verfügung, sondern es werden auch alle verfügbaren Rettungsdienstmittel und zum Teil auch Besatzungen von Löschfahrzeugen zu der entsprechenden Einsatzstelle alarmiert. Dabei kommen je nach Schadensausmaß neben der Berufsfeuerwehr auch die Freiwillige Feuerwehr, die Hilfsorganisationen, das Technische Hilfswerk und private Rettungsdienstunternehmen zum Einsatz. Vor Ort werden vor geplante Behandlungsbereiche, sogenannte Patientenablagen oder Behandlungsplätze aufgebaut, um Patienten u. U. eine längere Zeit vor Ort behandeln zu können. Je nach Verletzungsart und Transportpriorität werden die Patienten dann in die verschiedenen Kliniken transportiert.
Ein Video von der Übung finden Sie hier.


Bilder: Karsten John